23.07.2008, London. Die Black Island Studios liegen gut versteckt im Norden Londons. In einer Halle mit großer Bühne haben Oasis ihren Proberaum eingerichtet. Vormittags bevölkern Roadies den Raum und testen Gitarren, um 14 Uhr kommt die Band. Noel Gallagher spielt ein bisschen Schlagzeug und winkt dann gut gelaunt in den Interviewraum (von André Boße).
Noel, wie oft proben Sie hier?
Noel Gallagher: Derzeit jeden Tag. Sie merken: Wir sind eine hart arbeitende, fleißige Band. Zumindest so lange Liam hier nicht mit seinen Kindern auftaucht, ihnen Ohrenstöpsel aufsetzt und durch die Gegend turnen lässt. Das hier ist schließlich der Proberaum einer Rockband und kein Kindergarten!
Wenn Sie Ihr derzeitiges Leben betrachten, welcher Aspekt daran gefällt Ihnen am besten?
(überlegt) Dass ich weiterhin Spaß an dem habe, was ich tue.
Was genau bringt Ihnen den Spaß?
Im Laufe der Jahre hat sich mein Verständnis von Spaß geändert. In den Neunzigern machte es mir Spaß, Drogen einzuwerfen, das Großmaul zu spielen und sich alles herausnehmen zu dürfen. Was junge Männer halt unter Spaß verstehen.
Ein Großmaul sind Sie aber immer noch…
(hebt die Hand) … aber ich nehme keine illegalen Drogen mehr! Die letzte Linie Koks habe ich 1998 gezogen. Das Zeug hat mir keinen Spaß mehr bereitet, also habe ich damit aufgehört. Ich finde, es verdient Respekt, mit etwas aufhören zu können, wenn der Spaß ausbleibt und es einen nur noch weich in der Birne macht.
Die Band Oasis gibt es immer noch, obwohl es zwischen Ihnen und Ihrem Bruder heftige Turbulenzen gab.
Ein bisschen Streit gehört dazu, das fördert sogar den Spaß. Wir haben uns nie überlegt, welche Richtung wir als Band einschlagen wollen, und mit dem Scheitern beschäftigen wir uns schon gar nicht. Entscheidend ist: Wenn wir zusammen Musik machen, dann klingt das in unseren Ohren gigantisch und brillant. Also machen wir weiter.
Ein besseres Argument lässt sich wohl auch kaum finden.
Ja, aber irgendwie scheint das keiner ernst zu nehmen. Es regt mich regelmäßig auf, wenn ich kritische Artikel über Bands lese, die seit Jahren unterwegs sind. Glauben Sie tatsächlich, dass die Rolling Stones oder Bob Dylan noch wegen des Geldes touren oder weil sie weiterhin an ihrem Ruf arbeiten müssen? Ist die Annahme so absurd, dass sie einfach Spaß daran haben?
Vielleicht sind sie aber auch unfähig, ein normales Leben zu Hause zu führen.
Kann sein, ich weiß nicht, wie Keith Richards ist, wenn er es sich zu Hause gemütlich macht. (lacht) Ich jedenfalls liebe es, wenn ich nach sechs Monaten Tour wieder daheim bin: nichts tun, rumhängen, Filme oder Fußball gucken.
Wie geht es denn Ihrer Lebensgefährtin, wenn Sie es sich nach einer Tour für ein paar Monate zu Hause gemütlich machen?
Sie zählt die Tage, bis es wieder losgeht. Sie will mich raus haben, je schneller, desto besser.
Warum?
Damit ich nicht mitbekomme, wie viele neue Schuhe sie tagtäglich anschleppt! Und neben meiner Freundin, die mich wieder loswerden will, gibt es ja noch die Kinder: ein acht Jahre altes Mädchen, das bei meiner Ex lebt, und mein noch nicht mal zwei Jahre alter Sohn. Beide geben einen Scheißdreck darauf, ob Daddy gerade eine erfolgreiche Tour hinter sich hat oder nicht. Mein Sohn will, dass ich ihn füttere und die Windeln wechsele. Aber auch das macht mir Spaß. Ich bin keiner dieser Idioten, die zu Hause den Zimmerservice vermissen oder nach drei Tagen einen Nervenzusammenbruch bekommen, wenn das Baby Probleme mit der Verdauung hat.
Wie wichtig ist Humor, wenn man Spaß am Leben haben möchte?
Eigentlich ist er die Grundlage dafür, glauben Sie nicht? (überlegt) Wobei man auch lustig sein kann, wenn man keinen Humor hat. Mein Bruder Liam ist so ein Typ: Keinen Sinn für Humor, aber urkomisch. Wenn Sie jetzt einen Killerwitz erzählen würden und sich der ganze Raum weglacht, dann würde Liam dasitzen, mit den Achseln zucken und denken: Was ist los, was soll das Gelächter? Andererseits tut er manchmal Dinge, die unglaublich witzig sind.
Erzählen Sie uns bitte einen Liam-Klassiker.
Liam und ich waren vor ein paar Jahren nach längerer Zeit mal wieder zusammen aus. Spinal Tap spielten in der Carnegie Hall in New York. Liam hatte vorher den Film “Spinal Tap” gesehen und tatsächlich geglaubt, es sei eine echte Band-Dokumentation und keine Satire. Als ich ihn dann aufklärte und meinte, die Typen von Spinal Tap seien keine amerikanische Rockband sondern englische Schauspieler, war er total sauer. Er ging raus und kam auch nicht wieder. Und als wir uns das nächste Mal sahen, tat er so, als sei nichts gewesen.
Wann hört im Hause Gallagher der Spaß auf?
Noch sind die Kinder klein, was vieles leichter macht. Spätestens wenn bei uns im Haus Drogen auftauchen sollten, wird es ernst. In dieser Hinsicht wird es bei mir eine Null-Toleranz-Politik geben. Ich bin ganz sicher keiner dieser idiotischen liberalen Väter, was dieses Thema betrifft. Liberale Väter treiben ihre Kinder unweigerlich auf die Couch eines sauteuren Therapeuten. Wenn meine Kinder Star-Allüren entwickeln, dann werden sie ein ernstes Problem mit mir haben.
Was haben Sie für ein Verhältnis zu Disziplin?
(überlegt) Als Musiker gehört sie dazu. Man muss zum Beispiel rund zehn Jahre üben, bis man einigermaßen gut Gitarre spielen kann. Die ersten Jahre sind aber besonders hart, weil einen nur der Traum motiviert, einmal ein Rockstar zu werden. Von außen gibt es zunächst kaum Bestätigung.
Können Sie sich noch an den Zeitpunkt erinnern, an dem Sie diesen Traum zum ersten Mal hatten?
Es passierte, als ich zum ersten Mal die Sex Pistols hörte. Da war mir klar, dass Rock’n’Roll desto besser ist, je rotziger, dreckiger und großmäuliger er daher kommt – und dass ich eine Person bin, die das spielen kann. Die wirklich brillanten Platten entstehen oft in der kurzen Phase, in der junge Bands die Chance wittern, dass der Traum wahr werden kann. Als wir mit Oasis in dieser Periode waren, schrieb ich alle Songs für “Definitely Maybe”. Damals war ich 21 und arbeitslos.
Waren Sie als Musiker später nie wieder so gut wie damals?
Als Musiker werde ich immer besser; auch als Sänger. Aber als Songschreiber versuche ich heute vor allem, etwas so Brillantes wie damals hinzubekommen. Es gelingt mir nicht immer, aber wesentlich öfter als den meisten anderen.
Fördert eine gewisse Perspektivlosigkeit die Kreativität?
Glaube ich nicht. Das führt nur zu sehr selbstbezogener Musik, so wie bei Nirvana. Ich kann mir das nicht anhören, denn es geht nur um diesen Typen Kurt Cobain und seine Probleme mit der Welt. Erst fühlte er sich von der Welt vernachlässigt, dann war ihm alles zu viel. Mir hat diese Musik nichts gegeben. Ich war ein Junge aus Manchester. Ein Typ mit irischen Wurzeln, der zeitgleich die Faust in der Luft und Tränen in den Augen hat. Dieser Amerikaner mit seinen Flanellhemden war mir scheißegal.
Haben Sie jemals eine Künstlerbiografie gelesen?
Ich habe ein paar in der Hand gehabt, von Keith Moon oder John Lennon. Aber was soll ich mit den ersten hundert Seiten, auf denen es darum geht, welche Spielplatzgeräte John Lennon am liebsten benutzt hat und welcher seiner Onkel ein verdammter Spinner war? Ich würde alles überschlagen und erst da anfangen, wo die Drogen und Frauen ins Spiel kommen. Damit kann ich etwas anfangen. (lacht)
Können Sie sich an Ihren letzten melancholischen Moment erinnern?
Es gibt jeden Tag solche Momente. Zum Beispiel auf Tour, wenn ich nach einem Gig ins Hotelzimmer komme. Gut, manchmal bin ich betrunken, das verschleiert die Melancholie. Vor etwa einem Jahr saß ich im Spätsommer im Garten und kam ins Grübeln – über die Alarmmeldungen in den Nachrichten, dass sich das Klima wandelt, über die Schönheit der Erde.
Leben Sie jetzt bewusster?
Ich bin kein Typ dafür. Ich bin genau die Sorte Mensch, die ganz sicher nicht die Welt verbessern kann. (überlegt) Vor kurzem war ich mit meiner Tochter auf einer Farm. Die Tiere waren in meinen Augen allesamt potenzielle Steaks. Für meine Tochter waren aber ganz andere Sachen interessant, etwa dass sich auch Schweine verlieben oder Herzinfarkte bekommen können und so ein Zeug. Ich will ihr das auch nicht ausreden; der Zynismus wird schon früh genug kommen.
Bezeichnen Sie sich als Zyniker?
In vielen Bereichen des Lebens schon, ja. Wenn es um Religion geht, werde ich beispielsweise sofort zynisch. Ich kann nichts ernst nehmen, was die Dinosaurier ignoriert und auf Tod und Gewalt basiert. Bis auf den Buddhismus, der ist natürlich friedfertig. Aber der ist eigentlich auch keine Religion, sondern in fernöstliche Folklore getünchter Allgemeinsinn. (überlegt) Als zynisch muss ich es wohl auch bezeichnen, dass ich keine der neuen Bands ernst nehme. Dauernd wird mir etwas empfohlen, und ich finde es generell scheiße. Als junger Kerl habe ich neue Musik aufgesogen und alles Neue als großartig empfunden. Wobei: Wie viele wirklich großartige Rock’n’Roll-Alben sind nach “Definitely Maybe” von Oasis erschienen? Wirkliche zeitlose Klassiker, die es mit den Platten der Beatles oder Stones aufnehmen können?
Das ist immer eine Frage der Sichtweise.
Nein, das ist es nicht. Rock’n’Roll ist keine Frage der Sichtweise. Bei Rockmusik geht es nicht um Diskussionen oder um das Endecken von Ansätzen, wie man eine Platte hören muss, damit man sie versteht. Natürlich gibt es Leute, denen es Spaß macht, darüber zu debattieren, aber die sollen weiterhin Radiohead hören. Ich habe Spaß am Rock’n’Roll, denn dessen Sinn ist ganz klar: Es geht um Sex und Drogen. So einfach, so zeitlos.
Quelle : galore.de
